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Der blinde Spiegel in der Teppichetage

Man sagt, die Wahrheit mache frei. In den Teppichetagen der Macht ist sie jedoch vor allem eines: ein seltener Gast.

 

Wenn ein CEO um ehrliches Feedback bittet, geschieht etwas Merkwürdiges. In den Gesichtern seiner Gegenüber spiegelt sich nicht die Wirklichkeit, sondern eine sorgsam kuratierte Version der Loyalität. Es ist ein rituelles Spiel. Die Beteiligten kennen die Regeln, sie haben sie über Jahre perfektioniert. Man nennt es „internes Feedback“. In Wahrheit ist es eine Form der dokumentierten Ergebenheit, durchsetzt mit den feinen Fäden eigener Ambitionen.

 

Doch die Frage liegt tiefer: Will derjenige, der das Feedback einfordert, die Wahrheit überhaupt hören? Oft ist die Bitte um Aufrichtigkeit nur eine Performance der Bescheidenheit. Man möchte nicht korrigiert, sondern bestätigt werden. Man sucht keinen Chirurgen, sondern Applaus. Die Wahrheit ist nämlich anstrengend. Sie zwingt zur Revision – ein Schmerz, dem auch das C-Level gerne ausweicht. Man bestellt Kritik, hofft aber insgeheim, dass der Lieferant verspätet ist oder das falsche Paket bringt.

Die statistische Illusion der Wahrheit

Oft erliegt man dabei einem gefährlichen Irrtum: dem Glauben an die Macht der kleinen Zahl. Man sammelt zehn Meinungen aus der Organisation, fünf Stimmen von Weggefährten und vielleicht fünf Berichte vom Vertriebschef über den Markt. Man addiert sie und hält das Ergebnis für eine belastbare Basis. Aber zehn Aussagen sind keine Wahrheit. Sie sind eine Stichprobe ohne System. Wer zehn Stimmen hört, erfährt wenig über seine tatsächliche Wirkung. Er erfährt nur, was zehn Menschen in einem flüchtigen Moment für sagbar und opportun hielten. Das ist statistisches Rauschen, verkleidet als Erkenntnis.

 

Ein Mitarbeiter, der seinem Vorgesetzten den Spiegel vorhält, blickt dabei immer auch auf seine eigene Karriere. Er wägt ab. Er prüft, wie viel Aufrichtigkeit das System verträgt, ohne ihn selbst auszuspucken. Er fragt sich nicht: „Was hilft dem Unternehmen?“, sondern: „Wie werde ich gesehen, wenn ich das jetzt sage?“ Feedback im Binnenraum einer Organisation ist niemals sachlich. Es ist politisch eingefärbt – die Kunst, Kritik so zu verpacken, dass sie wie ein Kompliment an die eigene Unentbehrlichkeit wirkt. Am Ende steht der Manager in einem Raum voller Spiegel, die alle das gleiche verzerrte Bild zeigen. Er erfährt nur, wie die anderen gesehen werden wollen, während sie ihn betrachten.

Wirkung planen statt Absicht erklären

Hier setzt meine Arbeit an. Ich bin kein Coach, ich bin kein klassischer Berater. Ich wirke als Katalysator. In einem geschützten Raum gebe ich das, was intern unmöglich ist: unverfälschtes, aber natürlich höfliches Feedback.

 

Wir spielen dabei, was ich „emphatisches Schach“ nenne. Es ist die kühle, präzise Analyse der menschlichen Interaktion. Wir planen die Wirkung jedes Zuges, jeder Aussage im Voraus. Wir antizipieren die Reaktionen des Gegenübers, bevor das erste Wort gesprochen ist. Was ich sage, muss einen Mehrwert bieten. Es muss eine Lösung generieren, keine weitere Theorie. Wir setzen an der Ursache an, im Raum zwischen dem Verstehen einer Situation und dem tatsächlichen Wirken.

 

Der Mehrwert liegt in der Klarheit. In der Fähigkeit, den Unterschied zu machen. Am Ende geht es um eine einfache, fast kühle Wahrheit. Ein Kapitän braucht den Blick auf den Horizont, nicht auf die Wellen, die er selbst verursacht. Er braucht jemanden, der ihm sagt, wo die Untiefen liegen. 

 

Gemeinsam den Unterschied machen. Es ist das Angebot von Wirksamkeit. In einer Welt, die immer unübersichtlicher wird, ist diese objektive Außenansicht der wahre Luxus.

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